DIE ZONE IN 4K

Dieser neueste Reisebericht aus der Zone ist zur Gänze dem Filmprojekt „Die Zone in 4K“ gewidmet, dessen Ziel das Sammeln von Filmmaterial über die Sperrzone von Chernobyl darstellt, auf einem neuen Auflösungsstandard für Film und Fernsehen. Dieser neue Standard, der gerade erst dabei ist, Popularität zu erlangen, verfügt über eine doppelt so hohe Auflösung wie Full HD, und das Vierfache an Pixeln. Diesen Umständen sei Dank ist das Bild extrem scharf und wesentlich detailreicher.

Bereits in der Reportage über meine letzte Reise habe ich über diese Idee berichtet, da ich während dieser Reise beschlossen hatte, hierher zurückzukehren und alles in 4K zu filmen. Denn die Verwüstung der Zone und die Geschwindigkeit, in der sie zerstört wird, hat mich verstört. Doch warum 4K? Schließlich verfügen nur sehr wenige Menschen über eine damit kompatible Art von Fernsehgerät oder Monitor, ganz zu schweigen von einem Wiedergabegerät oder Computer, die in der Lage wären, dergleichen Mengen an Information zu verarbeiten.

Die Antwort ist denkbar einfach – bis die 4K-Technologie irgendwann weithin verfügbar wird, bis sie zur Norm wird, werden die meisten der Orte, von denen ich in meinen Berichten erzähle, bereits verschwunden sein. Dies ist der Grund, warum es nötig ist, sie jetzt zu filmen, bevor es zu spät ist. Um sie mit der allerhöchsten verfügbaren Bildqualität einzufangen. Ich kann damit nicht länger warten.

In Zukunft kann das gesammelte Filmmaterial dann für allerlei Dokumentationen verwendet werden, in denen es sich um die Katastrophe von Chernobyl dreht.

Seit über sieben Jahren besuche ich regelmäßig die Sperrzone. Fünfzehn, vielleicht zwanzig Mal? Ich habe vor langer Zeit aufgehört zu zählen. Die ganze Zeit über habe ich Foto- und Filmmaterial über die Orte gesammelt, die ich besucht habe. Eine kurze Aufzählung: mehrere tausend Bilder, hunderte Stunden an Videomaterial und zwei Dokumentarfilme. Inklusive des Dokumaterials über die Zone, das ich nun in 4K gesammelt habe, handelt es sich dabei um die umfangreichste Sammlung an Film- und Fotomaterial über die Sperrzone von Chernobyl.

Diesmal kehre ich also in die Zone zurück, bewaffnet mit zwei professionellen Kameras für Aufnahmen in 4K. Die Hauptkamera ist dabei eine Sony FS700, die im 4K RAW-Format aufnimmt. Im verlustfreien RAW-Format aufzunehmen, bedeutet eine deutlich höhere Bearbeitbarkeit des Videomaterials im Nachhinein. Dem austauschbaren Objektiv sei Dank ist es außerdem möglich, die für das Filmen in kleinen Räumen erforderliche Weitwinkelposition einzunehmen. Außerdem ist es uns mit dieser Kamera auch möglich, wertvollere Aufnahmen zu erlangen, zB. aus dem Inneren von Block 4. Die zweite Kamera ist eine Sony Z100, die aufgrund ihrer kompakteren Ausmaße sehr nützlich ist für Aufnahmen, die höhere Mobilität und Wendigkeit erfordern. Auf die Spitze von DUGA zu gelangen, ist mit dieser Art von Kamera wesentlich einfacher. Zusätzlich verwendete Kameras sind eine Panasonic Lumix GH4 und eine GoPro, die sich aufgrund ihrer kompakten Größe und geringen Gewichts als nützlich für Luftaufnahmen mithilfe der Drohne erwiesen haben.

Drei bis vier Tage waren früher in der Regel ausreichend, um alle interessanten Orte zu besuchen. Mittlerweile, ganz besonders nach den letzten Trips, über die in den beiden Berichten des „Abseits der ausgetretenen Touristenpfade“-Zyklus erzählt wird, brauche ich mindestens eine Woche. Die Stadt Poliske, ein Besuch bei den Wiederansiedlern, fernab gelegene, aber wesentlich besser erhaltene Dörfer. Jeder Besuch fördert Neues zutage, weshalb ich diesmal für acht Tage zurückkehre. Und auch diesmal hoffe ich, Neues zu entdecken.

Sämtliche Orte zu erreichen, die ich mir vorgenommen hatte, schaffe ich leider nicht, inklusive des Abfallendlagers in Buriakivka. Dieses beinahe hundert Hektar große Areal besteht aus dreißig riesigen Gräben (jeweils 150×50 Meter), in denen radioaktiver Müll aus der gesamten Zone vergraben wurde. Darüberhinaus beinhaltet das Areal auch einen Schrottplatz für Fahrzeuge, die an der Beseitigung der Folgen des Unglücks beteiligt waren. Buriakivka zu besuchen, habe ich bereits mehrmals geschafft. Das Ergebnis dieser Bemühungen war ein Kurzfilm und ein Interview mit dem Vorsteher der Deponie, die man im Zusatzmaterial des zweiten Teils von „Allein in der Zone“ findet. Nichtsdestotrotz wird bereits seit über einem Jahr keine Zutrittsgenehmigung mehr ausgestellt. Viele Jahre der Besuche in der Zone haben mich eines gelehrt: wird einem der Zutritt verwehrt, kann das nur bedeuten, dass dort Metall für den Schrotthandel zerschnitten wird. So war es beim Fahrzeugfriedhof von Rossocha (den es mittlerweile nicht mehr gibt), Chernobyl-2 (Teile der Antennen wurden bereits von den Masten geschnitten), und erst kürzlich wurde der Bahnhof Yanov für einige Zeit gesperrt (und einige der Waggons in Stücke geschnitten). Nun ist wohl das Atommülllager in Buriakivka dran. Anfangs glaubte ich noch, es ginge dort nur den abgestellten Fahrzeugen an den Kragen, doch anscheinend hatte ich den Unternehmergeist der Ukrainer unterschätzt. In Wahrheit werden auf der Deponie ganze Gräben, in denen einst der radioaktive Abfall vergraben wurde, geöffnet, um die wertvollsten Metallelemente herauszuholen.

Besuche anderer Orte, wie des Kraftwerks und ganz besonders des Block 4 inklusive der Baustelle für die neue Schutzhülle, wurden einmal mehr auf den nächsten Besuch verschoben. In erster Linie, bis sich die Situation in der Ukraine wieder stabilisiert hat – diese hat nämlich erhöhte Sicherheitsvorkehrungen im Kraftwerk und die Aussetzung unseres Besuchs bis zur Beruhigung der gegenwärtigen Situation zur Folge.

Wer Rossocha, Buriakivka oder das Kraftwerk noch nicht gesehen hat, kann dies in einem meiner früheren Berichte nachholen – HIER

DIE DROHNE

Keine Dokumentation der Zone wäre ohne Luftaufnahmen vollständig. Große Bauwerke wie die Kühltürme, die Radarantenne DUGA und die Bauruine von Block 5 aus einer anderen, selten zu sehenden Perspektive zu betrachten, wird zweifelsohne zur Attraktivität so manchen Films beitragen.

Ich habe meinen Freund Phil eingeladen, mit mir an den Luftaufnahmen zu arbeiten. Er ist übrigens auch derjenige, der für die Luftaufnahmen im zweiten Teil von „Allein in der Zone“ verantwortlich war. Diesmal hat Phil eine kleinere Drohne dabei, die über ein wesentlich besseres Bildstabilisierungssystem verfügt. Dadurch wird die Nutzung von zusätzlichen Bildstabilisierungsprogrammen im Nachhinein überflüssig, die eine deutliche Schmälerung der Bildqualität zur Folge gehabt hätten.

Diesmal ist es viel schwieriger als vorher, die geplanten Aufnahmen zu machen. Ohne GPS zu fliegen, im Inneren von Gebäuden wie den Kühltürmen, also im Grunde blind (außer Sichtweite und außerhalb der Sendereichweite des Bildsignals), erfordert wesentlich mehr Können.

Die ersten Flüge absolvieren wir über der Radarantenne DUGA. Dabei handelt es sich um einen jener Orte, den man aus der Luft filmen muss. Der dichte Wald, der sie umgibt, verhindert recht effektiv jegliche Großaufnahmen der Antenne vom Boden aus. Nur ein Flug über die Bäume, aus kurzer Distanz, erlaubt einen Blick auf die gesamte Antenne und beweist eindrucksvoll ihre mächtigen Ausmaße.

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Ein Flug über DUGA – Standbild. Rechts im Bild, am niedrigeren Mast, ist ersichtlich, wieviel von der Antenne bereits abgetrennt wurde.

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Ein Flug über DUGA

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Die Sicht beim Filmen vom Boden aus

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Gefilmt von der Spitze von DUGA aus

Die nächsten Flüge, die wir absolvieren, finden über Pripyat statt. Eine der wichtigsten Aufnahmen, die ich dabei machen will, ist ein Flug entlang der Leninstraße, der Hauptstraße der Stadt, in Richtung Hauptplatz von Pripyat. Dafür muss die Drohne präzise zwischen den beiden Baumreihen entlang fliegen, die zum Stadtkern führen, um dann über den Hauptplatz und den Kulturpalast „Energetik“ zu fliegen. Diese Aufnahme beabsichtige ich für die Eröffnungsszene eines Films zu verwenden, der Pripyat gewidmet ist.

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Der Monitor der Fernbedienung für die Drohne

Dann absolvieren wir mehrere Flüge über den Vergnügungspark, und wiederholen endlich den Flug über den sechzehnstöckigen Wohnblock, um das Emblem auf dem Dach zu filmen.

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Die Drohne fliegt aus der Turnhalle im Kulturpalast „Energetik“ hinaus

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Die Drohne beim Filmen des Emblems

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Autodrom im Vergnügungspark – Standbild

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Ein Flug zwischen den Gondeln – Standbild

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Das Emblem auf dem Dach des 16-stöckigen Blocks – Standbild

Auf dem Areal der Kühltürme absolvieren wir die nächste Serie an Flügen. Zuvor waren wir nicht in der Lage, innen im Kühlturm zu fliegen, weil das GPS-Signal nicht ins Innere reicht. Dieses Mal kamen wir ohne aus.

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Drohnenflug im Inneren des Kühlturms

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Drohnenflug – Standbild

Wir beschließen, vom selben Punkt aus zu starten, um Block 5 zu filmen. Dieser liegt ein gutes Stück vom Kühlturm entfernt, was zur Folge hat, dass die letzte Phase dieses Flugs blind vonstatten geht, soll heißen außer Sichtweite und außerhalb der Reichweite für das Videosignal.

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Drohnenflug – der unvollendete Block 5 – Standbild

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Drohnenflug – der unvollendete Block 5 – Standbild

Die zunehmend riskanten Aufnahmen mussten früher oder später in einer Katastrophe enden. Beim Filmen am Bahnhof Yanov ist ein Flug die Bahngleise entlang in Richtung AKW geplant. Die Drohne sollte von einem der Waggons abheben, über die Oberleitungen aufsteigen und dann die Bahngleise entlang bis zur Brücke nach Pripyat fliegen, diese passieren und dann leicht nach rechts für kurze Zeit in Richtung Block 4 fliegen.

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Die Drohne hebt ab

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Drohnenflug – Yaniv-Bahnhof – Standbild

Alles beginnt ganz nach Plan, bis zu jenem durchaus mit eingeplanten Punkt, an dem das Videosignal abreißt, das die Drohne lokalisiert und anzeigt, was sie gerade filmt. Aus unbekannten Gründen verlieren wir jedoch, simultan zum Verlust des Videosignals, auch die Verbindung zur Drohne an sich. Soweit, so unproblematisch eigentlich – das Steuerungssystem der Drohne ist so programmiert, dass sie, sobald die Verbindung abbricht, sicher zurückkehrt und landet. In so einer Situation aktiviert sich automatisch der FAIL SAFE-Modus, und die Drohne ist in der Lage, unter Verwendung von GPS und der gespeicherten Flugroute zu deren Ausgangspunkt zurückzukehren und dort automatisch zu landen. Unglücklicherweise hat niemand vorhergesehen, dass das GPS-Signal gewisse Unschärfen aufweist (mehrere Meter). Das reicht aus, um die Drohne gegen eine der Oberleitungen krachen und aus gut zehn Metern Höhe abstürzen zu lassen.

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Das Desaster

Erst sieht es aus, als wäre ein Fall aus dieser Höhe das Ende der Drohne. Doch zum Glück ist abgesehen von einem beschädigten Propeller und ein paar Kabelverbindungen nichts Ernstes passiert. Leider stellt sich heraus, dass wir zwar Ersatzpropeller dabei haben, die Kabelverbindungen sich jedoch nicht vor Ort reparieren lassen. Somit werden wir den Rest der Aufnahmen wohl bei unserem nächsten Besuch erledigen.

DAS KRANKENHAUS

Der Keller des Krankenhauses ist einer der am stärksten radioaktiven Orte in Pripyat. Oder zumindest war er das, bevor Touristen begannen, hierher zu kommen, und die Uniformen der Feuerwehrleute nach draußen zu schleppen. Zwei Feuerwehrhelme sind ebenfalls verschwunden, und es ist nicht auszuschließen, dass sie nun das Zuhause eines Sammlers von radioaktiven Souvenirs zieren. Diesen Vorgängen ist es geschuldet, dass das Strahlungsniveau in einem Raum, wo einmal die meisten Kleidungsstücke lagen, von über 2 mSv/h auf weniger als 1 mSv/h gefallen ist. Ein Gutteil dieser Strahlung wurde an der Kleidung von Touristen nach draußen getragen, die sich der Gefahr nicht bewusst waren. Und in ihren Körpern, falls sie keine Atemschutzmasken trugen. Ich übertreibe hierbei keineswegs! Ich habe Erzählungen von Menschen gehört, die mit ihrem Mut (und ihrer Dummheit) prahlen, sich einen radioaktiven Helm aufzusetzen oder die radioaktive Kleidung anzuprobieren und sie aus den Räumen hinauszutragen.

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Direkt vor dem Eingang zum Keller

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Im Keller des Krankenhauses beim Filmen einer der zurückgelassenen Feuerwehruniformen

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Selbst wenn man sehr vorsichtig ist, ist es unglaublich einfach, sich zu kontaminieren. Beim letzten Mal ist mir dies ebenfalls passiert, als ich beim Filmen der zurückgelassenen Kleidungsstücke unabsichtlich mit dem Knie den Boden oder eines der Kleidungsstücke berühre. Herausgefunden habe ich das erst beim verpflichtenden Strahlencheck beim Verlassen der Zone. Doch wenn man sich des Risikos bewusst ist und weiß, wie man sich zu verhalten hat, ist es recht einfach, mit dem Problem umzugehen.

JUPITER

Der Keller der Fabrik „Jupiter“ ist ein weiterer Ort, an dem man besonders vorsichtig sein sollte. In den dortigen Laboratorien findet man nach wie vor verschiedenste unbekannte und radioaktive Substanzen. Ich interessiere mich ganz besonders für vier Metallboxen mit radioaktivem Inhalt, dessen Zweck ich trotz dosimetrischer Untersuchungen nach wie vor noch nicht herausfinden konnte.

Das hohe Grundwasserniveau und die Frühlingsniederschläge haben eine bereits seit anderthalb Jahren andauernde Überflutung des Kellers nach sich gezogen. Einerseits ist dies in gewisser Weise vorteilhaft, nachdem das Wasser die Strahlung recht effektiv abschirmt. Das Dosimeter zeigt keine erhöhten Strahlungswerte, wenn man es über die Wasseroberfläche hält. Andererseits wissen wir nun wiederum nicht, wie radioaktiv die Orte und Dinge sind, durch die wir uns nun bewegen. Vor allem, weil überall metallische bunte Flecken auf dem Wasser schwimmen, was bedeutet, dass die hier im Keller angehäuften unbekannten Substanzen sich mittlerweile im Wasser gelöst haben.

Doch eins ist sicher: ein halber Meter Wasser hält neugierige Touristen sehr effektiv fern.

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Dosimeter, Lampe, Schutzkleidung, Handschuhe, Atemschutzmasken und Stiefel – unverzichtbare Ausrüstung beim Betreten des überfluteten Kellers der Jupiter-Fabrik

Allen Interessierten rate ich, sich den Film „Allein 2“ anzusehen, wo man den Keller der Fabrik, die mysteriösen Kisten und die spektrometrische Analyse ihres Inhalts sehen kann.

SONNENAUFGANG

Der Anzahl an Kommentaren und eMails nach zu urteilen, die ich erhalten habe, besteht der unbestrittene Hit der letzten Reise in die Zone in den Bildern von Pripyat bei Sonnenaufgang. Ganz besonders in den vom Dach im Stadtzentrum aus aufgenommenen Bildern mit dem ukrainischen Emblem und dem AKW im Hintergrund, welche ein bestimmter Zonen-Fan im zwei-Meter-Format bestellt hat, um als Hauptelement seiner Wohzimmereinrichtung zu dienen. Diese Art von Bildern ist recht schwer zu schießen, denn es ist nötig, eine zusätzliche Genehmigung für den Aufenthalt in der Zone I bei Nacht einzuholen, und das Verbot, die Dächer der Gebäude zu besteigen, wird immer öfter und immer strenger kontrolliert. Doch die Einzigartigkeit und das vergängliche Wesen dieses Orts und des Moments führen mich wieder hierher zurück. Diesmal mit einer Kamera.

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Das AKW von der Spitze von DUGA aus gesehen

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Das AKW bei Sonnenaufgang

Abgesehen davon will ich auch das AKW mit dem Sonnenaufgang im Hintergrund aus der Nähe filmen und fotografieren. Um hierfür den besten Ort auszuwählen, benutze ich die Website suncalc.net, die einem das Bestimmen der Sonnenposition zu jeder bestimmten Zeit an jedem bestimmten Ort ermöglicht. Dummerweise macht es die Position der Sonne zu dieser Jahreszeit unmöglich, solche Bilder bei Sonnenaufgang zu schießen, doch nicht bei Sonnenuntergang. Vom Dach der Bauruine des Block 5 aus.

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Sonnenuntergang – die Sicht auf das AKW vom Dach von Block 5

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ENTDECKUNGEN

Wahrscheinlich träumt jeder Besucher der Sperrzone von Chernobyl davon, eines Tages ein unberührtes Haus oder eine unberührte Wohnung zu finden. Etwas, das wie durch ein Wunder der Aufmerksamkeit von Dieben und neugierigen Touristen entgangen ist. Von den flüchtenden Einwohnern verschlossen, voller herumliegender Gegenstände aus einer längst vergangenen Ära. Dies ist auch mein Traum, und er ist endlich wahr geworden. Das war die großartigste Entdeckung dieser Reise.

Bei jedem Besuch in der Zone versuche ich, ein oder zwei Tage dem Erforschen von völlig neuen Orten zu widmen. Oft gelange ich dabei mehrere Dutzend Kilometer in die Tiefen der Zone. Meistens jedoch ohne viel Erfolg, weil ein Großteil der Häuser bereits eingestürzt, verwüstet oder leer ist. Manchmal finde ich ein paar Bilder, Einrichtungsgegenstände oder Zeitungen und Kalender, die bezeugen, wann das Haus verlassen wurde. Dies ist auch der Grund, warum ich immer versuche, öffentliche Gebäude zu finden wie Schulen, Kindergärten oder Clubs, wo man öfter Interessantes findet. Bücher, Notizhefte, Alben, Postkarten, Fotos oder Musikinstrumente – Dinge, die bis zum heuitgen Tag erhalten geblieben sind, weil sie für Diebe nicht wertvoll sind. Bei der letzten Reise hatte ich Glück, zwei gut erhaltene Schulen zu finden. Informationen aus dem Netz, welche Dörfer man besuchen kann, helfen für gewöhnlich dabei, solche Entdeckungen zu machen. Manchmal lässt sich aus Informationen wie der Größe des Dorfs, der Anzahl der ehemaligen Bewohner oder die Entfernung zu anderen Orten ziemlich genau ablesen, ob man dort eine Schule oder ein ähnlich interessantes Gebäude finden kann. Manchmal helfen mir sogar ehemalige Einwohner dieser Dörfer dabei, sie zu finden. Und natürlich sind Satellitenkarten der Zone ebenfalls nützlich.

Bei den Vorbereitungen für diese Reise habe ich ebenfalls eine Menge Recherche betrieben und mehrere vielversprechende Orte herausgesucht. Einer davon stellte sich als durchschlagender Erfolg heraus – ein kleines Dorf mehrere Dutzend Kilometer von Chernobyl entfernt. Die Holzhäuser am Rande des Dorfes erregen meine Aufmerksamkeit. Mehrere Häuser sind mit Schlössern oder Metallriegeln verbarrikadiert. Ich umrunde eines der Häuser auf der Suche nach einem zweiten Eingang oder einem zerbrochenen Fenster, durch das sich schon jemand Zutritt verschafft haben könnte. Doch ich finde nichts dergleichen. Ich kann es gar nicht fassen: es gibt hier ein unberührtes Haus! Das Dorf ist vollständig verlassen, es ist also nicht möglich, dass hier einer der Wiederansiedler wohnt. Doch ich bringe es nicht übers Herz, die Tür aufzubrechen und mich selbst davon zu überzeugen.

Glücklicherweise sind die Türen vieler anderer Häuser nicht mit Schlüsseln und Schlössern verriegelt. Manchmal ist die Tür nur durch einen kleinen Riegel vor dem Schloss oder dergleichen geschützt.

In einigen dieser Häuser sehe ich mich um.

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Für jemanden, der leere, ausgeplünderte und verwüstete Orte gewöhnt ist, sind Häuser voller unterschiedlichster Gegenstände ein beeindruckender Anblick. Verstreute Polster, Bettdecken, Wandteppiche, Fotos, Teller und andere Alltagsgegenstände. Die Bewohner müssen ihre Häuser in großer Eile verlassen haben, doch diese Eile hatte definitiv nichts mit der Evakuierung der Einwohner aufgrund der Katastrophe zu tun. Den Daten der Zeitungen und Kalender nach zu urteilen, sind dies die Häuser ehemaliger Wiederansiedler: evakuierter Einwohner, die entgegen der Beschlüsse der Obrigkeiten in ihre Häuser zurückgekehrt sind und mehrere Jahre, manchmal über ein Jahrzehnt lang, nach der Katastrophe weiter hier gelebt haben.

In dieser Zeit wurden viele von ihnen von ihren Kindern und Enkeln versorgt, die außerhalb der Sperrzone lebten. Sie brachten ihnen Essen und Medikamente, gehacktes Holz zum Heizen und manches Mal nahmen sie auch ein Familienmitglied, das kränklich war und nicht mehr selbständig leben konnte, auch dauerhaft zu sich. Diejenigen, die nicht so viel Glück hatten, waren völlig abhängig von immer geringer werdender staatlicher Unterstützung und der Hilfe desinteressierter Zonenarbeiter.

Die persönlichen Erinnerungsstücke in diesen verlassenen Häusern, besonders Fotos und persönliche Notizen, zeigen, dass die Einwohner wohl einsam verstorben sind. Ohne Familien oder Freunde, die mit Sicherheit sämtliche Familienandenken nach ihrem Tod mitgenommen hätten. Doch so zurückgelassen malen sie uns, den Menschen, die heute dorthin kommen, ein Bild davon, wie die vor fast dreißig Jahren verlassenen Häuser, deren Inneres mittlerweile völlig ausgeplündert und zerstört ist, einmal ausgesehen haben.

Ich muss unbedingt hierher zurückkommen.

Ein weiterer emotionaler Moment ist der Fund mehrerer Holzkisten in einem der Keller in Pripyat. Die rostigen Metallringe um diese Kisten zeigen, dass sie niemals geöffnet worden sind. Selbstverständlich erweckt das meine Neugierde. Auch wenn der Inhalt einfach zu erraten ist: Masken. Dutzende Kindergasmasken, in Reih und Glied angeordnet. Niemals verwendet, warten sie seit über dreißig Jahren auf ihre Entdeckung. Und darunter regelmäßig gestapelte Filter und die Leinensäcke, in denen sie über der Schulter getragen wurden. Und daneben Plastikfiolen mit einem Schmiermittel, das das Glas vor Beschlag bewahren sollte. Ein komplettes Set für den Fall eines Nuklearkonflikts.

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Die geheimnisvolle Kiste

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Kindergasmasken

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DIE NEUE SCHUTZHÜLLE

Zum Abschluss zahlt sich auch ein Besuch beim neuen Sarkophag aus, um den Fortschritt der Bauarbeiten zu sehen. Diesen sieht man am besten in zwei Filmen, deren Erster die Abschnitte der Bauarbeiten und der Anhebung des ersten Teils der neuen Schutzhülle zeigt, und der Zweite dessen Verschiebung zur Seite, um Platz zu machen für den Bau der zweiten Hälfte.

Nicht jeder weiß, dass auch Polen am Bau des neuen Sarkophags beteiligt sind. Sie werden von der Firma Format-Lambda angestellt, einem Subunternehmen der Novarka, dem Hauptbauunternehmer am neuen Sarkophag. Die meisten davon sind Männer in ihren Zwanzigern und Dreißigern, die als Stahlbetonbauer und Kletterer arbeiten. Die Stahlbetonbauer installieren die Stahlgerüste, die dann mit Zement ausgegossen werden und das Stützgerüst für den neuen Sarkophag darstellen. Und die Kletterer arbeiten auf der Spitze des Dachs dieser neuen Schutzhülle.

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Die Sicht von einem Kran auf den neuen und alten Sarkophag

Aufgrund der anspruchsvollen Arbeitsbedingungen und der drohenden Kontamination müssen alle Arbeiter umfangreiche medizinische Untersuchungen über sich ergehen lassen, bevor sie ihre Arbeit beginnen. Erst in Polen, und dann bei ihrer Ankunft in der Ukraine erneut. Außerdem müssen sie ein zweiwöchiges Trainingsprogramm absolvieren, das in Slavutych stattfindet. Dort lehrt man sie Dinge wie die Vorschriften für die Sicherheit beim Arbeiten bei drohender radioaktiver Kontaminierung. Erst nach Absolvierung dieses Trainings und bei Nichtvorliegen medizinischer Kontraindikationen gegen die Arbeit unter der Bedrohung durch ionisierende Strahlung können diese Arbeiter sich ans Werk machen. Die Arbeit dauert siebeneinhalb Stunden pro Tag, inklusive einer eineinhalbstündigen Pause, für zwei Wochen inklusive Samstag und Sonntag. Dann haben sie zwei Wochen frei, während derer sie nach Polen zurückkehren. Dies wiederholt sich für sechs Monate, nach denen sie eine vorgeschriebene (unbezahlte) Arbeitspause von sechs Monaten einlegen müssen. Diese Art von Arbeitsrhythmus, besonders die langen Pausen zwischen den Schichten, wurde eingerichtet, um die schädigenden Effekte der Strahlung auf die Körper und die Gesundheit der betreffenden Arbeiter zu beschränken.

Die Arbeit unter Strahlengefahr erfordert auch besondere Vorkehrungen und andauernde medizinische Überwachung. Der Großteil der Arbeiter muss spezielle Schutzkleidung und Staubfiltermasken tragen. Zusätzlich wird jedem Arbeiter täglich ein nasaler Abstrich und einmal im Monat ein analer Abstrich entnommen. Außerdem wird in regelmäßigen Abständen Blut entnommen und analysiert. Und nicht zuletzt müssen die Arbeiter auch jeden Tag Tests mit speziellen Geräten über sich ergehen lassen, um Radioisotope in ihren Körpern aufzuspüren.

Während der Arbeit ist es essentiell, sich an die fest definierten Limits an Strahlendosis zu halten. Für Arbeiter, die direkten Kontakt mit Strahlung haben, wurde die Tagesdosis mit 0.2 mSv festgesetzt. Um diese nicht zu überschreiten, trägt jeder der Arbeiter ein Dosimeter bei sich. Es misst das Strahlungsniveau und gibt ein spezielles Audiosignal ab, wenn die Dosis sich 0.2 mSv nähert. Dann muss der betreffende Arbeiter sofort seine Arbeit beenden und die Baustelle verlassen. Für den Rest des Tages hat er dann frei.

Diese tägliche Maximaldosis an Strahlung (0.2 mSv) wurde nicht zufällig festgelegt. Multipliziert man sie mit der Anzahl der Arbeitstage im Jahr (ca. 90), kann so kein Arbeiter die maximal zulässige Jahresdosis für Arbeiter, die mit Strahlung in Kontakt kommen, überschreiten (20 mSv). Zum Vergleich: 100 mSv ist die maximal zulässige Jahresdosis für in der Radiologie beschäftigtes Personal und Notfallspersonal in Ausnahmesituationen (zB bei einem Unfall in einem Kraftwerk) und 500 mSv in Situationen, die die Rettung von Menschenleben erfordern. Demgegenüber liegt die durchschnittliche Jahresdosis in Polen bei ungefähr 3.35 mSv (2.4 mSv davon aus natürlichen Quellen).

Als Entschädigung für die Gefahren beim Arbeiten mit ionisierender Strahlung (und um Menschen zu finden, die bereit sind, hier zu arbeiten), ist der durchschnittliche Lohn für Bauarbeiten am neuen Sarkophag höher als auf gewöhnlichen Baustellen. Interessanterweise jedoch ist er zwar höher, doch nicht gleich hoch für alle. Ein polnischer Stahlbetonbauer zum Beispiel erhält ungefähr €1.700,- im Monat, sein ukrainischer Kollege jedoch etwa viermal weniger für dieselbe Arbeit (in Wirklichkeit ist es für beide der Lohn für zwei Wochen Arbeit, nachdem die anderen beiden frei sind). Betrachtet man jedoch die durchschnittlichen Lebenserhaltungskosten in den beiden Ländern, sind die Löhne gar nicht so unverhältnismäßig.

Am Schluss ist es noch erwähnenswert, dass um 22:00 Uhr sämtliche Arbeiter in die Quartiere zurückkehren müssen und der Konsum von Alkohol für alle streng verboten ist. Auch nach der Arbeit. Diese letzte Regel zu beachten, ist wahrscheinlich schwerer als die Arbeit am Sarkophag selbst.

WAS KOMMT ALS NÄCHSTES?

Zeit für eine Pause. Wie die Arbeiter an der neuen Schutzhülle, brauche auch ich eine Pause von der Strahlung. Wenn Sie dies hier lesen, stehe ich bereits mit einem Fuß in Afrika. Der Wagen ist bereits unterwegs, und ich befinde mich mitten in den letzten Vorbereitungen. Ich kehre nach Afrika zurück, um das fotographische Projekt „Verlorene Seelen“ fortzuführen, das ich 2012 begonnen habe.

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Beim Verladen des Wagens im Kontainer

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Bis bald…

P.S. Im Winter fahre ich wieder nach Chernobyl :-)

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